Protokoll im PDF-Format
Am 13.11. wurde der Zeuge Franz Stubner, Hauptwachtmeister bei der Carabinieri in Schnalstal, 52 J., zu den Ermittlungen und den Aussagen der Zeugen Valli, Bacci, Figl und Pircher vernommen.
RA Thesen und Goebel anwesend.
Zur Zeugeneinvernahme von Prof. Valli 2003 in Perugia:
Richter: Wie haben sie den Zeugen in Erinnerung?
„Ich habe über 200 Verfahren wegen Kriegsverbrechen geführt. Der war wohl Jahrgang 1925. Es war in einer schlossartigen Villa, eingezäunt, 3 Videokameras, Professor Valli war in seinem Büro, sehr gut gekleidet, Schreibtisch mit sehr vielen Büchern, gute gesundheitliche Verfassung. (*26.04.1925). Er erzählte, dass er Partisanenführer war, hat sich als Fahnenflüchtiger mit ex Wehrmachtsangehörigen zusammengetan und war in der Provinz Arezzo tätig. Eine Person kam und bat um Hilfe, da die deutsche Wehrmacht den Einwohnern ein Pferd und einen Karren wegnehmen wollte. Er sagte ihm, sie sollen Ihnen das Gespann überlassen, damit es zu keinen Konflikten und Sühnemaßnahmen kommt. Dann sei aber doch einer der Partisanen, ein Russe, mitgegangen. Er hat dann erfahren, dass zwei Wehrmachtsangehörige erschossen wurden und es am nächsten Tag zu Sühnemaßnahmen kam.“
Richter aus Protokoll: ... mit anderen Kriegsdienstverweigerern und Fahnenflüchtigen des deutschen Heeres ungarischer, tschechischer etc. Herkunft ... Am 8. Juni 1944 hielten wir auf der Landstraße bei Cortona in Vasiano? einen Fiat 500 mit zwei deutschen Offizieren und einem Fahrer an. Ein Offizier ergab sich (gab seine Waffe ab), der Luftwaffenoffizier gab einen Schuss aus seiner Maschinenpistole auf mich ab und wurde von mir erschossen. Die beiden ließ ich laufen. Einige Tage später organisierten die Deutschen eine Strafaktion, wurden jedoch von einem alliierten Flugzeug angegriffen und brachen die Aktion ab. Uns hatten sich weitere Versprengte der ital. Truppen angeschlossen... Am Morgen des 26. Juni kam ein junger Mann und sagte, dass die Deutschen eine Stute mitnehmen wollten. Ich lehnte unser Eingreifen ab. Leider ging ein russischer Partisan mit dem jungen Mann los, zus. mit einem weiteren russischen Partisan, der aber versuchte, seinen Landsmann aufzuhalten. Zwei deutsche Soldaten wurden getötet, ein Verletzter konnte entkommen. Die Deutschen nahmen 11 oder 12 fest und töteten sie.
Richter: Konnte er die Soldaten der Vergeltungsaktion beschreiben?
„Ja, die hätten eine schwarze Uniform getragen, ich weiß nicht woher er das hat.“
Richter aus Protokoll: Ich bin sicher, dass sie schwarze Uniformen trugen... Konnte mit starkem Fernglas beobachten, wie sie ein Bauernhaus in Brand setzten... Sie konnten die Straße nicht mehr benutzen, da ich an der Sprengung zweier Brücken mitgewirkt hatte.
„Es kam alles sehr flüssig, man brauchte nicht viel nachfragen.“
Richter: Lebt Herr Valli noch?
„Weiß nicht, ich könnte es überprüfen, habe mich nicht informiert.“
RA Thesen: Was für eine Disziplin vertritt Herr Professor Valli?
„Er müsste Arzt gewesen sein.“
Richter: Rentner, zum Zeitpunkt der Vernehmung.
Vernehmung von Bacci, Luigi auf dem Gelände der Gemeindepolizei.
Richter: Was machte der Zeuge für einen Eindruck?
„Herr Bacci ist eine einfache Person, Rentner, man musste häufiger nachfragen.“
Richter: Was hat er inhaltlich angegeben?
„Er ist an einem Gutshof entlanggegangen und hat einen Jugendlichen getroffen. Der erzählte ihm, dass er auf dem Weg zu einem Partisanenstützpunkt sei, um um Hilfe zu bitten. Wehrmachtan-gehörige wollten ein Pferd und einen Karren mitnehmen. Er sah später noch, wie dort die Leute bei der Sühnemaßnahme zusammen getrieben wurden. Auf ihn wurde auch geschossen. Er hat sich im Wald versteckt. Er beschrieb die Soldaten mit gefleckten Uniformen und hörte Schüsse, da bin ich nicht sicher. Sein Wohnhaus wurde komplett. zerstört.“
Richter: Durch wen?
„Ich weiß es nimmer genau.“
Richter aus Protokoll: geb. 09.05.28 in Cortona, whft. San Pietro Adame, Rentner. Am 26.06. befand ich mich am späten Morgen in den Feldern um Weizen zu mähen. Hörte Schüsse vom Croccione Hof und rannte zu mir nach Hause. Am Abend erfuhr ich, dass es sich um einen Schusswechsel zwischen Soldaten und Partisanen gehandelt hat. Die Deutschen hatten ihr Kommando in San Basti?, an der Grenze nach Umbrien. Man sagte, dass dort SS und Wehrmacht vermischt waren. Am nächsten Morgen hörte ich MG-Feuer, hörte das Gerücht, dass für jeden getöteten Deutschen, 10 Leute getötet werden und floh mit meiner Familie in die Berge. 2 Tage später erfuhr ich, dass die Landarbeiter im Haus Canicci in die Luft gesprengt worden waren und einer, Gino Massetti, auf wundersame Weise überlebte. Eine Frau wurde im Ortsteil Caseccio getötet, Donato? wurde in der Nähe seines Hauses getötet. Das Haus in dem ich wohnte wurde von den Deutschen in Brand gesetzt und teilweise zerstört.
RA Goebel: In wie weit waren sie mit den Ermittlungen Falzano befasst?
„Es war für uns schwierig. Der Schrank der Schande von Rom, wo diese Verfahren lagen, wurde gefunden. Wir haben ca. 120 von diesen Verfahren bekommen. Wir waren anfangs 3 Polizeibeamte und mussten Anfragen im Freiburger Militärarchiv und in Berlin machen, Anfragen an das BKA, an das Innenministerium in Wien und nach Zeugen in ganz Italien. Wir bewältigten das mit drei Personen. Jeder der Zeit hatte bemühte sich um das Notwendige. Wer gerade frei war, begab sich zu den verschiedenen Orten. Wir haben dann Verstärkung bekommen, noch zwei Personen, aber diese jeweils nur drei Monate. Die in ein laufendes Verfahren hineinzubekommen war schwierig, keine leichte Ermittlungsarbeit.“
RA Goebel: Wer war ihr Auftraggeber?
„Militärstaatsanwalt Romanis de Paolo, ich hatte einen Vorgesetzten, De Lia Roberto, bei den Carabinieri.“
RA Goebel: War ihr Ermittlungsauftrag hinsichtlich des Personenkreises eingeschränkt?
„Nein.“
RA Goebel: Hatten sie den Auftrag nur gegen Deutsche zu ermitteln?
„Es waren auch Südtiroler, in anderen Verfahren auch Leute aus Sizilien, die in der Wehrmacht oder bei der SS dabei waren. Die wurden auch vernommen.“
RA Goebel: Aber hätten sie auch die Möglichkeit gehabt, auch gegen Italiener zu ermitteln?
„Ich hätte die Aufgabe gehabt zu ermitteln und letztendlich hätte es der Militärstaatsanwalt zu entscheiden gehabt.“
RA Goebel: Kennen sie die Amnestiegesetze?
„Ich weiß, dass es diese Gesetze gab.“
RA Goebel: Valli spricht von schwarzen Uniformen, Bacci von Gefleckten. Ermittelten sie gegen Brigade Nera mit schwarzen Uniformen oder ital. SS mit gefleckten Uniformen?
„Nein, weil die zur gegebenen Zeit nicht in der Provinz Arrezzo bei Cortona waren.“
RA Goebel: Brigade Nera Emilia Spinelli war bei Arrezzo, also nicht weit von Cortona.
„Nicht das ich wüsste.“
RA Goebel: Und das Bataillon der SS Italia am 27 Juni 1944?
„Hab ich nicht ermittelt.“
Vernehmung von Pircher, Heinrich, 6.2.2004
Richter: Erinnern sie sich?
„Ja. In St. Michael Eppan. Herr Pircher fragte, ob er noch rauchen dürfte vor der Vernehmung. Er war sehr guter Dinge und hatte keine Gehhilfe. Er war körperlich fit, ein Landwirt in Pension.“
Richter: Seine geistige Verfassung?
„Er sagte, er war im Pionierbataillon 818, einfacher Soldat. Er konnte sich an FW Brandmeier erinnern und an einen Leutnant Stengel. Andere vorgehaltene Namen schloss er als Vorgesetzte aus. Er wusste von geschilderten Sühnemaßnahmen und er wusste, dass seine Einheit ausgerückt war zu Sühnemaßnahmen.“
Richter: Konnte er sich an diese Aktion erinnern?
„Das der ganze Zug gemeinsam in Kriegsgefangenschaft kam, das wusste er noch.“
Richter aus Protokoll: am 28.4.45 bei Bassano verhaftet und in ein amerikanisches Lager in Rimini gebracht... Ich erinnere mich an den Namen meines Zugführers, nicht an die Namen meiner Vorgesetzten. Stommel, Brodier etc. sagen mir nichts... Einige meiner Kameraden wurden von Partisanen angegriffen, zwei starben, einer verletzt, er erzählte uns davon. Gleich danach fuhren Kameraden raus und erschossen Jungen, der auf Munition aufpasste, gleich vor Ort. Ich war bei diesen Geschehnissen nicht vor Ort, bewachte einen verminten Weg. Der verantwortliche Kompaniechef war Leutnant Stengel.
„Ja davon war er nicht abzubringen, er hatte nicht mal Zweifel, dass sein Kompaniechef Stengel hieß.“
Richter: Und der Name Scheungraber?
„Wurde ihm vorgehalten, sagte ihm nichts.“
Richter: Der Name Scheungraber steht nicht im Protokoll.
„Ich glaube, dass er ihm vorgehalten wurde, mit Gewissheit kann ich es nicht sagen.“
Richter aus Protokoll: Der Kommandant war Leutnant Stengel... Am nächsten Tag ging die Einheit nach San Pietro Adame. Ich war auch da nicht dabei, weil ich beim Kommando Wache schob. Ich bekam nur Einzelheiten von Kameraden erzählt. Kommandanten waren Leutnant Stengel und FW Brandmeier. Elf Zivilisten wurden in ein Haus gesperrt und mit aufgefundener Munition in die Luft gesprengt. Das beschloss Kompaniechef Leutnant Stengel... Ich bin froh, nicht an diesem Einsatz teilgenommen zu haben.
„Es war ein bisschen chaotisch. Man hatte oft den Eindruck, als ob er dabei gewesen wäre, aber er hat das immer verneint.“
Richter: Ist der Name Scheungraber gegenüber Herrn Pircher gefallen?
„Ich kann mich nicht festlegen.“
Beisitzer aus Protokoll: Unsere Einheit steht zur Unterstützung der Panzergrenadiereinheit.
„Er persönlich konnte dazu nichts sagen. Nach unseren Ermittlungen musste das die 15. Panzergrenadiereinheit gewesen sein.“
StA Steinkraus: Wussten sie zu diesem Zeitpunkt schon wer wirklich Kompanieführer war, also Scheungraber?
„Ja, aber wir wollten dem Zeugen keinen direkten Vorhalt machen, aber es wurden ihm Namen vorgehalten.“
StA Steinkraus: Wurde ihm der Name Scheungraber vorgehalten?
„Ich glaube schon.“
Richter: Warum ist so eine Information nicht im Protokoll enthalten? Das ist schwierig nachzuvollziehen.
„Es hätte aufscheinen müssen.“
Rechtsanwältin Heinecke: Brandmeier ist ohne nachzuhelfen genannt worden?
„Ja, ohne Zweifel.“
Rechtsanwältin Heinecke: Und Stengel als Kompaniechef?
„Wir sagten immer, er solle sich erinnern, er hat immer darauf gepocht. Als ihm nach längerem Zögern Stengel einfiel, hat er davon nimmer losgelassen.“
Rechtsanwältin Heinecke: Das Verhältnis von Zugf. Brandmeier und Kompaniechef Stengel war klar?
„Ja, das war sein Kompanieführer.“
RA Thesen: Er sagte, Kommandanten waren immer Brandmeier und Stengel, wie kam er dazu, haben sie gefragt, woher er das hatte?
„Er sagte, ihm fällt als Kompaniechef kein anderer ein. Die waren zusammen in der Einheit.“
RA Thesen: Als Zeuge, wenn ich sage, Kommandanten waren immer Brandmeier und Stengel, wie begründete er, dass diese beiden die Aktion durchgeführt haben?
„Weil sie gemeinsam in der Einheit waren.“
RA Thesen: Also eine Schlussfolgerung, festgemacht an Dienststellung Kompaniechef/Zugführer.
„Ja.“
RA Thesen aus Protokoll bei Sprengung Casa Cannicci: Kompaniechef wollte Gefangenen erhängen, dann beschloss er sie in die Luft zu sprengen.
„Er hat das so von seinen Kameraden erfahren.“
RA Thesen: 1200 kg Munition. Was bleibt da von der Casa Cannicci übrig?
„Ein paar Grundmauern. Die Pioniere kannten sich mit Sprengstoff aus.“
RA Thesen: Deswegen waren es auch keine 1200 kg.
„Wir machten Nachfragen bei den Archiven nach Stengel und bekamen nie eine positive Antwort.“
RA Goebel: Herr Pircher sei nicht von dem Namen abzubringen gewesen. Heißt das, dass man ihn versucht hat, von diesem Namen abzubringen?
„Dann wäre ich kein guter Polizeibeamter. Aber ich kann den Zeugen fragen, könnte es sein, dass es vielleicht dieser Name gewesen sein könnte. Nicht das man einen Zeugen diesbezüglich beeinflusst.“
RA Goebel: Wissen sie, dass nach dem 6.4.2004 noch weitere Vernehmungen des Herrn Pircher stattfanden?
„Wir hatten den Eindruck, dass Pircher eventuell bei den Aktionen dabei war und wir wollten ihm Zeit geben und ihn nochmal vernehmen.“
RA Goebel: Ist ihnen der Inhalt der weiteren Vernehmungen bekannt?
„Nein.“
RA Goebel: Da heißt es, den Namen Scheungraber hab ich nie gehört. Kann es sein, dass er auch von ihnen 2004 den Namen nie gehört hat?
„Ich persönlich kann mich nicht mit Gewissheit daran erinnern. Es könnte durchaus sein.“
RA Goebel: In welcher Sprache sind Südtiroler vernommen worden? Z.B. Herr Pircher, dessen Muttersprache deutsch war.
„Ein heikles Thema. In Südtirol hat jeder Bürger das Recht in seiner Muttersprache vernommen zu werden. Sobald wir aus der Provinz Südtirol raus gehen, kann eine Behörde jedoch Protokolle nicht in deutsch oder latinisch lesen. Deswegen werden Vernehmungen in italienisch protokolliert, sofern die Personen diese Sprache beherrschen.“
RA Goebel: Wie war das am 6.2.2004 bei Herrn Pircher? Wie ist es da gewesen, in St. Michael Eppan, deutsch oder italienisch?
„Die Vernehmung wurde in deutsch geführt und protokolliert. Da sind kleine Fehler unterlaufen, denn mein Kollege Romano ist ital. Muttersprachler, kann deutsch, weil er in Deutschland gelebt und gearbeitet hat.“
RA Goebel: Hat Sandro Romano die Formulierungen gemacht? Wer hat die Übersetzungen ins italienisch gemacht?
„Dolmetscher bei der Staatsanwaltschaft in La Spezia.“
Richter aus Protokoll: Habe Einzelheiten von Kameraden erfahren.
Richter: Hat er deren Namen genannt?
„Er wurde dann nervös und sagte er wisse es nicht mehr genau, er wisse es aus der Runde der Kameraden.“
Richter: Hatten sie Kontakt zu Bernhard Figl? Der will nicht zu uns als Zeuge kommen.
„Ja, ich rief ihn im September an und fragte ihn, ob er nach München kommen kann und er verneinte es, dass er soweit fahren will.“
Richter: Und Videovernehmung?
„Ja, zu einer Videovernehmung hat er sich bereit erklärt.“
RA Thesen: Genügt es uns nicht, die Protokolle zu verlesen? Ich erwarte mir von der Videovernehmung kein Mehr an Erkenntnisgewinn. Müssen wir das unbedingt machen?
Richter: Wir haben sie ja geladen und die Dolmetscherin hat gefragt, aber die haben keine Bereitschaft signalisiert.
RA Goebel: Es geht Herrn Scheungraber heute nicht so gut, aber er hat gesagt, er hält durch.
Unterbrechung bis 12 Uhr 30. Danach nur noch Terminierung der Videovernehmung.