Turm der verleugneten Schuld – ein Werkstattbericht

Mittenwald, Pfingsten 2009

Im Zentrum der diesjährigen Kampagne gegen die Traditionspflege der Gebirgsjäger in Mittenwald stand seitens autonomer und antifaschistischer AktivistInnen die praktische Umsetzung der Idee: „Ein Denkmal für Mittenwald“
Dafür wurde aus den Reihen des AK angreifbare Traditionspflege ein Denkmalsbeauftragter ernannt, der zusammen mit ein paar anderen AktivistInnen die weitere Planung in die Hand nahm. Die Grundfrage lautete: Wie lässt sich ein markantes Gegendenkmal in einem Ort placieren, der durch die Todeskultur des Militarismus geprägt ist?
Turm in Mittenwald

In ihren weiteren Planungen knüpften die DenkmalsaktivistInnen an die gelungene Kartonaktion während der Proteste gegen das Gebirgsjägertreffen Pfingsten 2005 an. Dort waren im Gemeindenzentrum schon einmal etwa 60 Pappkartons in Form einer Mauer errichtet worden. Auf den einzelnen Kartons waren Tatorte von Gebirgsjägermassakern notiert sowie die dazu gehörigen Militäreinheiten und die Zahl der von ihnen Liquidierten angegeben.
Siehe Foto: http://media.de.indymedia.org/images/2005/05/116902.jpg
Siehe Foto: http://media.de.indymedia.org/images/2005/05/116903.jpg

Die Tatorte von Massakern der Gebirgstruppen waren einmal im Verlauf des Mittenwald-Hearings Pfingsten 2003 in einer Liste vorgestellt worden. (Vgl. http://www.nrw.vvn-bda.de/bilder/tatorte_angrifbare_traditionspflege.pdf) Zwischenzeitlich konnte diese Liste durch Angaben aus dem Buch von Hermann Frank Meyer „Blutiges Edelweiss“ ergänzt werden. Bislang können 78 Orte in ganz Europa - von Aetorachi (Griechenland) bis nach Voskopoje (Südalbanien) - als Massenmordstätten der Gebirgstruppe benannt werden.
Die Aufgabe bestand darin, diese historisch bereits einmal erfolgreich realisierte Aktions- und Denkmalsidee auszuarbeiten und sowohl von Form und Inhalt her weiter zuzuspitzen. Neue Überlegung hier: Anstelle einer wackelig- flüchtigen Mauer die Errichtung eines stabilen hohen Turmes im Stadtzentrum Mittenwalds. Wesentliches Konstruktionsproblem: Wie lässt sich der Aufbau und die Stabilität dieses Bauwerkes gegen Wind und Wetter gewährleisten?

Erste spontane Überlegungen eine Vielzahl leerer Kartons einfach so übereinander so hoch wie möglich zu stapeln, wurden verworfen. Allein der Wind hätte einem derartigen Bauwerk schon ab dem vierten gestapelten Karton schnell den Garaus gemacht. Und dann weiter: Wie kann man ab dem vierten Karton überhaupt ohne Leiter weiter stapeln? Wie ist der Leichtgewichtigkeit der Kartons beizukommen, die diese zur schnellen Beute von Wind werden lassen? Die Antwort auf die letzte Frage wurde mit dem Befüllen einer Schaufel Sand in einen Müllbeutel pro Behältnis gefunden. Darüber hinaus konnte man der Wind- und Wetter-Anfälligkeit der Kartons mit der großzügigen Verwendung von Frischhaltefolie entgegentreten: Anders formuliert. Mehrfach mit Frischhaltefolie umwickelte Kartons weisen nicht nur den Regen ab – zumindest für´s erste, - sondern stabilisieren sich gegenseitig. Ein paar flache Holzlatten besorgten das ihre, um die Stabilität vor allem im oberen Turmbereich zu gewährleisten.

Turm in Mittenwald

In der Begründung für dieses Bauwerk entschieden wir uns gegen die Benennung des Turmes als der einer „vergessenen“ oder gar „verdrängten Schuld“. Nein, so schlicht oder so sozialpsychologisch subtil wie es die Begriffe „vergessen oder „verdrängen“ nahe legen, geht es in dem Ort Mittenwald und dessen dort praktizierter bedrohlicher militaristischer Traditionspflege nicht zu. Uns hat für diesen Ort und seiner besonderen Geschichte ab dem 9. Mai 1945 vielmehr der Begriff des Verleugnens eingeleuchtet. Dafür steht auch der bis auf den heutigen Tag unvoreingenommen durch die Bundeswehr und das Verteidigungsministerium unterstützte Kameradenkreis der Gebirgsjäger, der alleine in der Ortskameradschaft Mittenwald über mehr als 400 Mitglieder verfügt. So lautet der Begründungstext für den Turm für die Weltöffentlichkeit wie folgt:

„Der Arbeitskreis angreifbare Traditionspflege schenkt der Gemeinde Mittenwald in ihrem Zentrum Am Obermarkt einen Turm der verleugneten Schuld.

Mittenwald ist ein Ort in dem bislang quer durch fast die gesamte deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts Militarismus erfolgreich gelebt wurde. Das geht nur, wenn man aktiv verleugnet. Dagegen läuft dieses Denkmal spitz in den Horizont, es markiert ein scharfes Gegenzeichen zu dem interessierten Verleugnen. An allen Seiten dieses Turmes befinden sich die Namen einer Vielzahl von Gebirgsjägereinheiten zerstörten Orten aus ganz Europa, sowie die Zahl der Opfer ihrer bislang bekannt gewordenen Massaker. AK angreifbare Traditionspflege Pfingsten 2009“

Die Aktion wurde beim Ordnungsamt der Stadt Mittenwald als Mahnwache unter dem Motto: „Ein Denkmal für Mittenwald“ angemeldet. Unmittelbar zuvor haben wir den Bürgermeister der Gemeinde mit einem Brief zu der Denkmalseröffnung auf das herzlichste eingeladen. Uns war es durch diese vertrauensbildenden Maßnahmen wichtig, Planungssicherheit für alle Beteiligten und hier vor allem für die Polizei zu schaffen. So wurde der Turm am 30. Mai in rühriger Bastelarbeit durch ein geschicktes Arrangement von 32 Kartons in der Größe von ca. 600 x 330 x 340 mm in der Zeit von 14.23 bis 16.17 Uhr zusammen gesetzt und gemeinsam mit der Demonstration errichtet.

Auf eine direkte Ansprache während der Bastelarbeiten an die Adresse der Mittenwalder Bevölkerung wurde verzichtet, sie wurde lediglich mit dem Hinweis: „Bitte verhalten sie sich würdig: Hier wird der Turm der verleugneten Schuld errichtet“ informiert. Der eingeladene Bürgermeister ließ sich nicht blicken, wir haben ihn vermisst. Nach der Fertigstellung des Turmes wurde dieser sowohl von Touristen wie von Teilen der Mittenwalder Bevölkerung aufmerksam gemustert. Nicht wenigen davon stand in seinem Angesicht Feindseligkeit ins Gesicht geschrieben, erste Bemühungen reflektierten auf den Wunsch den Turm sofort umzustürzen, was sich in einem baulogistischen Sinne jedoch nicht umsetzen ließ. Das wurde schließlich vom Bauamt der Marktgemeinde Mittenwald besorgt. Sie stellte uns am Donnerstag, den 4. Juni mit der wohl zufällig als „0046“ beschrifteten Rechnungsnummer für die „Entsorgung der Demonstrationsmittel (…) anlässlich der Demonstration am 30.5.“ für „3 Arbeiter“ je eine Stunde 32,34 Euro in Rechnung. Durch die als „pauschal“ bezeichnete Beseitigung von „Kartonagen, Sand und Wickelfolie“ summierte sich schließlich alles auf einen Betrag von 147, 02 Euro, der als „zahlbar ohne Abzug innerhalb 14 Tagen ab Rechnungsdatum“ deklariert wurde. Auch das auf seine Weise ein bürokratisch so korrekt wie knapp gefasster Kommentar der herrschenden Gemeinde- und Straßenordnung auf unser politisches Anliegen.

Vor unserer Aktion war uns bekannt gemacht worden, dass unser Denkmal eines von zwei aus den Reihen des AK angreifbare Traditionspflege geplanten sein würde. Wir sollten das nicht als gegen unsere Initiative gerichtet empfinden, wurde uns gesagt. So haben wir diese bedeutende Entscheidung sofort begriffen, und auch das hat uns dazu angespornt mit dem Turm der verleugneten Schuld die BetrachterInnen noch mehr zu beeindrucken. Zeitgleich zu der Errichtung des in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes geplanten Denkmales haben wir den Turmaufbau unermüdlich vorangetrieben, und uns dabei frei von Angst und Demut dem verbalen Widerwillen und dem Hohn der Mittenwalder Bevölkerung ausgesetzt. Und doch haben wir trotz dieses außerordentlichen Engagements den Wettlauf gegen den von dem Auschwitz Überlebenden Maurice Cling und dem Resistancekämpfer Max Tzwangue enthüllten Stein des Anstoßes in Punkto Ästhetik, Noblesse, Schwerkraft und Tiefe deutlich verloren. Nein, die „Aura der Unantastbarkeit“, von der eine Überlebende des NS-Terrors noch an Ort und Stelle im Angesicht des „Stein des Anstoßes“ zu Recht sprach, können und wollen wir mit dem Turm der verleugneten Schuld nicht beanspruchen. Es ist aber ein völliges Missverständnis, wenn der „Turm der verleugneten Schuld“ – so geschehen in einem Bericht des Lokalredakteurs des Garmisch-Partenkichner-Tagblattes vom 2. Juni 09 - lediglich zu einem „Ablenkungsmanöver" für den Bau des Denkmales auf dem Bahnhofvorplatz erklärt wird. Das sehen wir ganz anders. Mit unserer - so ein guter Genosse - "Trashkiste", in der nichts gutes nicht zufällig mit Frischhaltefolie "gut verpackt" worden ist, sind auch wir da und dort auf Anerkennung gestoßen: Denn sowohl bedeutende tiefe Substanz im Inhalt wie auch flirrende Oberflächlichkeit in Material und Form in eins haben noch stets die großartige antifaschistisch profilierte autonome Bewegung in allen ihren ganz wunderbaren Facetten ausgezeichnet. Dem Zusammenhang dieses Gedankens haben wir gedient.

Die Pappkarton-Frischhaltefolie-BaubrigadistInnen