Infoabend zur Geschichte der Brannenburger Kaserne am 21.10.2009 in Rosenheim

*Brannenburg* (re) Am Mi 21.10.09 findet in Brannenburg ein Infoabend
zur Geschichte der Brannenburger Kaserne statt. Unter dem Motto
"Karfreit-Kaserne: Verbrechen und Tradition" wird ein
geschichtswissenschaftlicher Vortrag sowohl die Schlacht um Karfreit,
als auch die Verbrechen der Gebirgsjäger im II Weltkrieg thematisieren.
Die Veranstaltung im Brannenburger Gasthof Kürmeier (Dapferstr. 5)
beginnt um 20:00 Uhr, der Eintritt ist frei. Organisiert wird der
Infoabend von dem Friedensbündnis Rosenheim in Kooperation mit der Petra
Kelly Stiftung.



Karfreit-Kaserne: Verbrechen und Tradition

*Brannenburg* (re) Auf ihre Karfreit-Kaserne in Brannenburg sind
Bundeswehr und Soldaten noch heute stolz: Im einzigen
Gebirgspionierstandort der Bundeswehr ist eine Elite-Truppe in
landschaftlich schönster Lage stationiert und pflegt ein optimales
Verhältnis zur Zivilbevölkerung. Der Name der Kaserne erinnert an
unglaubliche militärische Großtaten des deutschen Alpenkorps im Ersten
Weltkrieg und an die Leistungen deutscher Gebirgsjäger im Zweiten. Sie
ist Stein gewordenes Symbol für den deutsch-österreichischen Sieg über
Italien. Die Schließung der Kaserne macht die Soldaten wehmütig und
lässt die Zivilbevölkerung wirtschaftliche Probleme erwarten. So
jedenfalls ist es oft zu hören.

Diese dicke Schicht reaktionärer Geschichtsverdrehung und
militaristischer Lobhudelei soll die Stimmen derjenigen übertönen, die
über die Verbrechen der Gebirgstruppe und ihre antidemokratische und
kriegsverherrlichende Traditionspflege nicht schweigen wollen. Sie soll
sich wie ein Deckel über das Grab legen, in das auch Brannenburger
Gebirgsjäger halb Europa im Zweiten Weltkrieg verwandelten. Mit dem
Verweis auf die angeblich unangreifbare Tradition der Gebirgstruppe
(Ex-Ministerpräsident Stoiber) soll die Auseinandersetzung mit den
Kriegseinsätzen der Bundeswehr und eben dieser Tradition unterdrückt werden.

Nachdem die Nationalsozialisten beschlossen hatten, einen Raub- und
Vernichtungskrieg in Ost- und Südost-Europa zu führen, ließen sie
entlang des Alpen-Nordrands in strategisch vorteilhaften Lagen jene
Truppenstandorte errichten, von denen aus der Krieg über die Alpen
Richtung Italien, Jugoslawien und Griechenland getragen werden sollte:
Sonthofen, Füssen, Oberammergau, Garmisch, Mittenwald, Lenggries,
Traunstein, Reichenhall, Berchtesgarden und eben Brannenburg. Im Oktober
1936 war die neue Brannenburger Kaserne fertig. Ihr Name,
"Karfreit-Kaserne", war nicht nur eine Maßnahme der psychologischen
Mobilmachung des Nationalsozialismus, sondern auch Programm für die
Kriegsführung der dort stationierten Gebirgsjäger.

Der Name "Karfreit" bezieht sich auf den Ersten Weltkrieg und steht für
Gaskrieg und Gebirgsjäger. Am 24. Oktober 1917 griffen österreichische
und deutsche Truppen am Isonzo die italienischen Truppen an. Die
Italiener galten den Deutschen als Verräter, denn sie waren ursprünglich
Verbündete gewesen, stellten sich 1915 jedoch auf die Seite der
Engländer und Franzosen. Dieser Wechsel war eine der Ursachen für die
Gründung der ersten deutschen Gebirgstruppe, des Alpenkorps, gewesen.
Nun, am 24. Oktober 1917, deckte das Alpenkorps die italienischen
Soldaten mit einem stundenlangen Hagel von Giftgas-Granaten ein, wodurch
mindestens 500 bis 600 Italiener getötet wurden. Nach diesem
verheerenden Giftgas-Angriff, dem die Italiener völlig schutzlos
ausgesetzt waren, hatten die deutschen Gebirgsjäger leichtes Spiel, die
Schlacht gegen die zahlenmäßig überlegenen italienischen Truppen zu
ihren Gunsten zu entscheiden. Sie ging als "Wunder von Karfreit" in die
Heldenerzählungen des deutschen Militärs ein.

Soldaten, die nicht ganz vernebelt waren, zeichneten ein ganz anderes
Bild der auch von der Bundeswehr so geschätzten zeitlosen soldatischen
Tugenden: "In dem Granattrichter stand dieser scheußliche, mit
Leichenteilen wie Handfleischfetzen, Därmen, Schädeln, Rippen und
halbverwesten Menschenfleischstücken untermischte Morast oft mannstief.
Wenn sich dann, besonders nachts, ein Schwerverletzter mit dem letzten
Rest von Kraft zum Hilfeplatz schleppen wollte, fiel er so in den Teich,
der wie eine Fallgrube wirkte, und ersoff elendiglich."

In diesem industrialisierten Tötungsgeschäft taten sich besonders die
Elite-Soldaten des bayerischen Leib-Regiments hervor, z. B. Ferdinand
Schörner, der später als "Bluthund von Lemberg" berüchtigt wurde, Franz
Ritter von Epp und Eduard Dietl. Alle drei und viele andere mit ihnen
gehörten nach dem Krieg zum Freikorps Oberland, nahmen mit ihm an der
Niederschlagung der Münchener Räterepublik teil, bekämpften 1920 die
Rote Ruhrarmee und bauten in den 1920er Jahren aus dem Leib-Regiment den
Kern der Wehrmachts-Gebirgstruppe auf -- das Gebirgsjäger-Regiment 100.
Dessen erster Kommandeur wurde Rudolf Konrad, ein antisemitischer
Schlächter im Vernichtungskrieg auf der Krim. Er war einer der Gründer
des Kameradenkreises der Gebirgstruppe.

Die erste Wehrmachtstruppe in der Brannenburger Kaserne war das I.
Bataillon des Gebirgsjäger-Regiments 100. Das Regiment gehörte
ursprünglich zur 1. Gebirgs-Division, der unzählige Kriegsverbrechen
nachgewiesen wurden, u. a. das Massaker in Kephallonia, bei dem ca. 3000
gefangene und entwaffnete italienische Soldaten ermordet wurden. Einer,
gegen den deswegen zur Zeit in Italien ermittelt wird (das Verfahren
wird Anfang November 2009 in Rom fortgesetzt) ist Anton Wimmer, am 24.
Mai 1919 in Rosenheim geboren.

In Rosenheim wurde 1938 durch Josef Remold die Ersatzeinheit des
Regiments aufgestellt. Auch Remold war ein Kamerad aus dem Freikorps
Oberland. 1943 kommandierte er die Erschießung von etlichen gefangen
genommenen Italienern auf der Insel Korfu. Für dieses (und auch nicht
für andere) Verbrechen verurteilt wurde er nie, stattdessen wurde er der
erste Präsident der Bayerischen Bereitschaftspolizei.

Eine andere Truppe, die in Brannenburg stationiert war, war der Stab der
157. Gebirgs-Division. Sie führte ab Ende 1942 einen mörderischen Krieg
gegen die französischen Partisanen im Raum Grenoble, Gap, Lyon und
beging dabei etliche Kriegsverbrechen. Kameradenkreis-Präsident Benkel
nennt das schönfärberisch: "die besetzten Gebiete ... besser unter
Kontrolle zu bekommen".

Schließlich war ein Teil des Gebirgs-Artillerie-Regiments 95 1941/42 in
Brannenburg stationiert. Dieses Regiment erholte sich dort von der
Anstrengung, Griechenland und Kreta erobert zu haben, wobei von der 5.
Gebirgs-Division, zu der das Regiment gehörte, vor allem auf Kreta
etliche Kriegsverbrechen verübt worden waren. Auf Kreta wurde das "Axiom
von der Kollektivhaftung der Bevölkerung" zum ersten Mal angewandt. Es
kostete 2000 Menschen das Leben, wobei die Zerstörung von Kandanos am
25./26. Mai 1941 das bekannteste Kriegsverbrechen ist.

Ab Ende 1956 wurden erstmals Pioniere in Brannenburg stationiert, als
dort die Gebirgspioniertruppe der Bundeswehr aufgebaut wurde -- unter
maßgeblicher Beteiligung ehemaliger Wehrmachtsangehöriger. Einer von
ihnen ist Friedrich Gallmann, Veteran des Gebirgs-Pionier-Bataillons 94
und damit der 4. Gebirgs-Division. Diese war Ende Juni 1941 bei der
Eroberung Lembergs dabei, dessen jüdische Bevölkerung unter Beteiligung
von Gebirgsjägern massakriert wurde. Aus der russischen Gefangenschaft
zurückgekehrt, gehörte er vorübergehend dem Bundesgrenzschutz an, um
dann den Aufbau der Bundeswehrtruppe in Brannenburg mit zu gestalten.

Der Name "Karfreit-Kaserne" blieb erhalten, trotz Protesten in den
1980er und 1990er Jahren. Es wurde sogar ein Traditionsraum
eingerichtet, in dem die Schlacht bei Karfreit verherrlichend
dargestellt wurde. Im "Traditionsraum" werden der Giftgas-Einsatz mit
den "humanitären Hilfseinsätzen" der Gebirgspioniere im Iran, in
Somalia, Italien Bosnien-Herzegowina und Kosovo auf engstem Raum
zusammen dargestellt, wodurch er unwillkürlich zusammenbringt, was
zusammengehört: Wehrmacht, Bundeswehr und ihr Traditionsverständnis. Die
"Truppenkameradschaft der Brannenburger Gebirgspioniere" im
Kameradenkreis der Gebirgstruppe sorgt dafür, dass Mentalität,
Wertevorstellungen, Elitebewusstsein und Korpsgeist bruchlos von der
Wehrmacht in die Bundeswehr tradiert wurden und werden.

1976 wurde von der Kameradschaft an der Kaserne ein Gedenkstein für das
I./GebJgRgt 100 errichtet. und am 1988 wurde in der Karfreit-Kaserne ein
Gedenkstein für alle Gebirgspioniere des II. Weltkriegs enthüllt.

Um die Geschichte der Kafreit-Kaserne aufzuarbeiten, hat das
Friedensbündnis Rosenheim in Kooperation mit der Petra Kelly Stiftung
einen Historiker nach Brannenburg eingeladen. Dieser wird am Mi 21.10.09
im Gasthof Kürmeier (Dapferstr. 5,) einen Vortrag über die Schlacht um
Karfreit und über Kriegsverbrechen der Gebirgsjäger halten. Die
Veranstaltung beginnt um 20:00 Uhr, der Eintritt ist frei. Präsentiert
wird die Veranstaltung von Brannenburg aktuell
(www.brannenburg.blogsport.de)