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Die Rede von Maurice zur Wiederaufstellung des Denkmals in Mittwald 21.3.2010Sehr geehrter Herr Bürgermeister, meine Damen und Herren, gestatten Sie mir zunächst all denen zu danken, die sich dafür eingesetzt haben, dass dieses Denkmal aufgestellt werden konnte und die diese bemerkenswerte Feier organisiert haben. Ich bin zutiefst bewegt hier zu sein, 65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, noch immer am Leben, wo ich doch in Auschwitz und in Dachau und sogar bis hierher, ein ganzes Jahr in quasi permanenter Angst gelebt habe vor einem Tod, der mir unmittelbar bevorstand und doch so unvorhersehbar war. Als Zeuge habe ich die schwere Verantwortung auf mich genommen, im Namen der Opfer dieses Todesmarsches aus Dachau Ende April 1945 zu sprechen. Die Opfer dieses Marsches rufen uns alle diejenigen in Erinnerung, die gezwungen wurden, die Konzentrationslager vor der Ankunft der alliierten Truppen zu verlassen und sich auf einen Marsch zu begeben, der so mörderisch war. Genau hier, in der unmittelbaren Umgebung von Mittenwald, sind in den letzten Stunden des Krieges noch entkräftete und völlig erschöpfte Deportierte erschlagen und erschossen worden, während zur selben Zeit in Berlin die letzten Schlachten stattfanden. Sie wurden ermordet nach einem langen Leidensweg, der in Polen im Januar 1945 begann und bis nach Dachau führte. Ich habe etwas Skrupel angesichts dieser unermesslichen Tragödie von meinen winzigen Erfahrungen zu sprechen, von mir, der ich das unerhörte Glück hatte, meine verschwundenen Kameraden um so viele Jahre zu überleben. Meine Gedanken sind immer bei ihnen. Aber vielleicht können einige lebendige Fakten von meiner Durchreise durch Mittenwald dennoch die abstrakten und kalten Zahlen der Geschichte vervollständigen. Ich war einer der Juden, die aus allen vier Himmelsrichtungen Europas in Mittenwald gestrandet sind und ich muss sagen, dass ich bei meiner Ankunft den Charme dieses entzückenden Gebirgsortes nicht wahrnehmen konnte. Für mich gab es nur die Schwäche, den Hunger, die Kälte und die Angst, hier in den letzten Stunden des Krieges noch erschlagen zu werden. Ich bin mit 15 Jahren in Paris in der Schule durch französische Helfershelfer der Gestapo festgenommen worden und zusammen mit meinem Vater, meiner Mutter und meinem Bruder nach Auschwitz deportiert worden. Sie wurden dort ermordet. Im Januar 1945 wurde ich vor der Ankunft der Roten Armee auf den Todesmarsch nach Dachau geschickt, wo ich an Typhus erkrankte. Ende April wurde ich wegen der anrückenden amerikanischen Truppen erneut evakuiert, diesmal in Richtung »Alpenfestung«, diesem aberwitzigen Projekt, das von hochrangigen Offizieren Hitlers im Süden vorbereitet wurde. Die Kulisse, die uns umgab, war wie ein Bühnenbild für unsere letzte Tragödie. Aber ich erinnere mich auch an diese Frau aus Mittenwald, die mir zwei Kartoffeln hinhielt – eine unschätzbare Geste. Am Abend, auf einer Straße in der Nähe von hier, verschwanden die Bewacher nach und nach. Am nächsten Morgen waren die amerikanischen Truppen da. Ich war frei. In bestimmten einflussreichen Kreisen gehört es zum guten Ton, eine sogenannte »deutsch-französische Aussöhnung« zu befürworten und zwar im Namen eines befriedeten Europas, in dem eine neue Seite aufgeschlagen wird. Und dies im »gegenseitigen Respekt« der Kämpfer, der gemeinsam erlittenen Leiden, der gemeinsamen Ideale, der gleichen Aufopferung für ihr Vaterland, der gleichen Leiden der bombardierten Bevölkerung, der Waisen etc. Aber eine solche Gleichsetzung von Tätern und Opfern ist schockierend. Die Wahrheit ist, dass sich in einem gewaltigen Kampf die Kräfte der antifaschistischen Koalition und die der Nazi-Barbarei und seiner Komplizen, aus Frankreich und anderswo, gegenüberstanden. Das Martyrium des italienischen Dorfes und die Opfer von Mittenwald erinnern uns daran durch dieses Denkmal, das den Schmerz in sich trägt. Aber das Denkmal soll uns auch an eine Botschaft erinnern, die weit darüber hinausgeht. Das Dritte Reich ist nicht nur militärisch durch die alliierten Befreier und die europäischen Widerstandsbewegungen zerschlagen worden. Es ist auch moralisch besiegt worden: in den Konzentrationslagern und den jüdischen Ghettos. Das Projekt der Entmenschlichung ist gescheitert. Die Solidarität, der Kampf um die Menschenwürde und die Freiheit haben unter den schlimmsten Bedingungen den Sieg davongetragen. Auch davon bin ich Zeuge. Diese Lehre aus der Geschichte darf keine hohle Phrase bleiben. Unsere gesamte Zukunft hängt davon ab. |
Entschädigung jetzt!
Ein Denkmal für Mittenwald!
Entschädigung aller NS-Opfer! Keine Straffreiheit für Kriegsverbrecher! Keine Ruhe! Prozess gegen den Gebirgsjäger Josef Scheungraber in München: Gegen jeden Krieg! |