Wer ist Heinrich Nordhorn?

Am 3. November 2006 verurteilte das Militärgericht im italienischen La Spezia den Grevener Bauunternehmer Heinrich Nordhorn zu lebenslanger Haft und Schadensersatzzahlungen in Höhe von 1,3 Millionen Euro. Gegen ihn wurde wegen der Ermordung von 10 Zivilisten und Gefangenen in Italien verhandelt, die er als Offizier der Wehrmacht zu verantworten hatte. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Staatsanwaltschaft Dortmund führt inzwischen ein Ermittlungsverfahren gegen den Mann und prüft, ob auch in der Bundesrepublik eine Anklage wegen Mordes gegen Nordhorn erhoben werden kann. Derweil genießt Nordhorn weiterhin seinen Lebensabend im Münsterland.

Artikel von: http://www.antifa-netzwerk.de/

Heinrich Nordhorn wurde am 12. November 1919 in Hattingen/Ruhr geboren. Er diente 1944 in der Wehrmacht als Angehöriger der Stabskompanie der Schweren Heeres-Panzerjägerabteilung 525, und zwar im Rang eines Leutnants.

Die Schwere Heeres-Panzerjägerabteilung 525 (entspricht einem Bataillon) ging aus der 1940 als Spezialeinheit für den Kampf gegen Panzer aufgestellten Panzerjäger-Abteilung 525 hervor. Sie wurde im Vernichtungskrieg in der ehemaligen Sowjetunion eingesetzt. Die Abteilung bestand 1944/45 aus der Stabskompanie und drei operativen Kompanien. Mit dem „Fall Achse“, also dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten und der anschließenden Besetzung Italiens durch die Wehrmacht, kam die Truppe im September 1943 nach Italien und nahm dort an Rückzugskämpfen in Anzio-Nettuno, Monte Cassino, Florenz und Pisa teil. Ende Juni, Anfang Juli 1944 wurde sie in der Umgebung von Forlì (südlich von Ravenna in der Emilia Romagna) einquartiert. Dort blieb sie bis Oktober 1944, um nach Ravenna verlegt zu werden. Die Abteilung blieb bis zur Befreiung Italiens im April 1945 in Italien. Die Deutschen hatten die Kinderklinik von Forlì geräumt und in ein Gefängnis umgewandelt. Dort wurden Menschen aus unterschiedlichsten Gründen inhaftiert, nicht nur, weil sie als PartisanInnen galten. Wie unter deutscher Besatzung nicht nur in Italien üblich, betrachteten die Deutschen die Inhaftierten als Geiseln, die nach Angriffen von PartisanInnen als Vergeltungsmaßnahme hingerichtet werden konnten.

Kriegsverbrechen in Italien

Nordhorn wurde in La Spezia verurteilt, weil er für die Ermordung von insgesamt zehn Menschen in den Dörfern Branzolino und San Tomè (nördlich von Forlì) verantwortlich ist. Er kommandierte damals einen Pionierzug mit rund 30 Soldaten. In der Nacht vom 27. auf den 28. August 1944 wurde ein deutscher Soldat bei Branzolino durch eine Sprengsatz verletzt, wofür vermutlich Partisanen verantwortlich waren. Am Tag danach wurden vier Männer aus dem Gefängnis Forlì geholt, zum Ort der Tat gebracht und gehenkt. Die Ermordeten waren: Ivo Gamberini (geboren in Forlìmpopoli am 16 Jul 1911), Secondo Cervetti (geboren in Forlì am 7 Dezember 1907), Ferdinando Dell’Amore (geboren in Forlì am 31 Mai 1906) und Giovanni Golfarelli (geboren in Forlì am 23 Juni 1911). Sie waren am 2. August 1944 von der faschistischen Miliz verhaftet, gefoltert und dann in das Gefängnis eingeliefert worden. Die Bevölkerung von Branzolino musste bei der Hinrichtung zusehen, einige Männer mussten sogar bei der Erhängung helfen. Ein deutscher Soldat, möglicherweise Nordhorn, der die Exekution leitete, verkündete, diesmal seien die Geiseln noch aus dem Gefängnis Forlì geholt worden, beim nächsten Mal aber würden sie aus der Bevölkerung ausgewählt. Die Hinrichtung diente der Abschreckung und Einschüchterung, um die Bevölkerung von der Unterstützung der Partisanen abzuhalten.

Das zweite Verbrechen, für das Nordhorn verurteilt wurde, fand in San Tomè statt. In der Nacht vom 8. auf den 9. September 1944 wurde in der Nähe des Örtchens ein deutscher Soldat durch eine Mine verwundet. Am Nachmittag des folgenden Tages führten Soldaten von Nordhorns Abteilung gemeinsam mit italienische Faschisten, der Brigate Nera, eine Razzia in San Tomè durch. Etwa 200 EinwohnerInnen mussten sich versammeln und gegen 17.30 Uhr der Erhängung zusehen, die am Ort der Minenexplosion stattfand. Hingerichtet wurden: Emilio Zamorani (geboren in Ferrara am 20 September 1890), Massimo Zamorani (geboren in Ferrara am 22 April 1919), Michele Mosconi (geboren in Civitella di Romagna am 11. September 1905), Celso Foietta (geboren in Santa Sofia am 14 April 1907), Antonio Gori genannt Natale (geboren in Teodorano, heute Meldola, am 22 Dezember 1918) und wahrscheinlich Antonio Zaccarelli (geboren in Teodorano, heute Meldola, am 2 Oktober 1924). Emilio und Massimo Zamorani, Vater und Sohn, waren Juden. Sie waren am 28. August 1944 in Villa Vezzano von 12 Männern der Brigata Nera verhaftet worden. Die Gattin von Emilio war katholisch und die Faschisten drohten, die gesamte Familie ins KZ zu bringen. Mosconi und Foietta waren am 26. August 1944 von italienischen Faschisten verhaftet worden. Von den Ermordeten war lediglich Zaccarelli ein Partisan.

Nach der Hinrichtung wurden 28 Personen aus der Menge von den Deutschen mitgenommen und zur Zwangsarbeit in Italien gezwungen oder nach Deutschland deportiert. Am 11. September zwangen die Deutschen einige Bewohner des Dorfes, die Leichen, die zur Abschreckung hängen gelassen worden waren, abzunehmen und sie auf dem Gemeindefriedhof zu bestatten.

Nach dem Krieg…

Was ist Heinrich Nordhorn für ein Mann? Wie lebte er mit der Verantwortung für die Kriegsverbrechen im beschaulichen Greven? Nordhorn machte nach dem Krieg eine Karriere als Bauunternehmer und Politiker. Seit 1955 baute er in Greven ein Bauunternehmen auf. Man sagt in Greven, er habe halb Greven nach dem Krieg wieder aufgebaut. Außer öffentlichen Gebäuden plante und baute Nordhorn auch Mietwohnungen, von denen er etwa 250 besitzt, die meisten davon in Greven. [1]Das Hoch- und Tiefbauunternehmen befindet sich noch heute mitten in Greven in der Martinistrasse 30. „Dem Bauen gilt die lebenslange Leidenschaft des Jubilars“, lobhudelte die Grevener Lokalzeitung anlässlich Nordhorns 85. Geburtstages, [2] und weiter: „Mindestens ebenso leidenschaftlich frönt er der Jagd.“ Ein weiteres „Markenzeichen“ des hoch angesehenen Kriegsverbrechers sei es, sich einzumischen. Weil der leidenschaftliche Jäger Nordhorn seine Passion zur Einmischung und seine Geschäfte außerdem als Mitglied des Kreistags förderte, gratulierte ihm sogar der Münsteraner Bürgermeister Tillmann. Seine Mitgliedschaft im Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft Münster/Osnabrück hat seinen Geschäften als Bauunternehmer vermutlich ebenfalls nicht geschadet.

Dieser Mann mischte sich offenbar auch bei Konflikten mit Mietern seiner Wohnung persönlich ein. Als einmal ein Mieter verschwand, ohne seine Miete zu bezahlen, tobte Nordhorn, er „kriegt sich gar nicht wieder ein. Bierdosen stapeln sich in der gesamten Wohnung. Dazwischen gammelnde Fertigpizzen, Pappkartons, der Teppich stinkt, in der Badewanne steht eine braune Pfütze. Es ist nicht zu fassen, flucht der Wohnungsbesitzer. Der Mieter? Über alle Berge. 1500 Euro Mietschulden hat er hinterlassen und containerweise Müll. Jetzt ist er abgetaucht. Nordhorn schaut in die Röhre. Vermieterpech? (…)“ Nordhorn: Sowas habe ich noch nicht erlebt.“ „Nordhorn meint, der Ex-Vertragspartner gehöre mit dem Spaten ins Moor.“ [3]

Anmerkungen:
[1] Westfälische Nachrichten 20.11.2002
[2] Westfälische Nachrichten 12. 11.2004
[3] Westfälische Nachrichten 20.11.2002