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Das Massaker in Sant'Anna und die schleppenden Ermittlungen in der BRDAm 12. August 1944 überfiel die 16. SS-Panzergrenadierdivision "Reichsführer SS" das norditalienische Dorf Sant’ Anna di Stazzema. Unter dem Vorwand, Sie trieb die BewohnerInnen zusammen, warf Handgranaten in die Menge und erschoss wahllos alle, auf die sie traf. 560 BewohnerInnen von Sant’ Anna wurden ermordet, nur wenige entkamen. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges leben die Täter unangefochten in der Bundesrepublik Deutschland. Erst 60 Jahre später begann in La Spezia der Prozess gegen die Verantwortlichen. Das Urteil, am 23. Juni 2005 gefällt, lautete: lebenslänglich für alle 10 Angeklagten. Weshalb wurde die Anklage so spät, nach sechs Jahrzehnten erhoben? Eine wichtige Rolle dabei spielt der "Schrank der Schande". Jener Schrank stand, mit Siegeln zugeklebt und mit den Türen der Wand zugekehrt, bis 1994 unbeachtet in der Militärstaatsanwaltschaft in Rom. Sein brisanter Inhalt: knapp 700 Aktenbündel der Alliierten, die äußerst detaillierte Informationen über Mordtaten der SS und der Wehrmacht während der deutschen Besatzung Italiens enthalten. Mit dem Auftauchen des Schranks begann eine Prozesswelle gegen mutmaßliche Kriegsverbrecher. (s. auch Artikel „Der Schrank im Palazzo Chesi" S. 57). Auch gegen die Verantwortlichen des Massakers in Sant’Anna, das "nur" ein Massaker unter vielen war. Das Ausmaß der deutschen Verbrechen an italienischen ZivilistInnen macht der Militärhistoriker Gerhard Schreiber deutlich: Zwischen dem Beginn der Besatzung und Kriegsende "starben - ohne Berücksichtigung der gefallenen Partisanen und regulären Soldaten sowie der durch Kriegseinwirkung getöteten Staatsbürger - täglich über 160 italienische Kinder, Frauen und Männer jeden Alters durch deutsche Hand, sei es auf direkte, sei es auf indirekte Weise", so Schreiber. Konkret vorgeworfen wurde den Angeklagten in La Spezia Mord. Die einzige Möglichkeit, die Schuldigen noch juristisch zu belangen, denn Mord verjährt nicht. Verhandelt wurde ohne die Angeklagten, die nicht vor Gericht erschienen. "Für mich ist diese Zeit erledigt, ich habe mir keinerlei Vorwürfe zu machen", äußerte Gerhard Sommer gegenüber dem Fernsehmagazin "Kontraste". Nicht erledigt sind seine Taten in Italiens Öffentlichkeit, wo der Prozess auf breites Interesse stieß und das Urteil mit großer Befriedigung aufgenommen wurde. Ermittlungen in Deutschland: Eine zähe Veranstaltung In Deutschland wird erst seit Herbst 2002 wegen des Massakers gegen ein gutes Dutzend Verdächtige ermittelt. Eine Anklage kam bis jetzt nicht zustande. "Eine zähe Veranstaltung" seien die Ermittlungen, meinte ein Sprecher der Stuttgarter Staatsanwaltschaft, Eckhard Maak. Und: man wolle das Urteil in La Spezia abwarten. Als es schließlich erfolgte, äußerte man sich in Stuttgart abfällig über das Urteil der italienischen KollegInnen. Als "schnellen Schuss aus der Hüfte" bezeichnete es Staatsanwalt Gernot Blessing. Die Richter hätten sich zehn SS-Schergen "herausgepickt", die in der Einheit Dienst taten, und pauschal verurteilt. In Stuttgart dagegen versuche man aus einer größeren Anzahl von Leuten die maßgeblichen Befehlsgeber herauszufiltern. Der Druck wächst: Die Täter zur Verantwortung ziehen In Sant 'Anna will man nicht länger warten. Denn Konsequenzen hat das Urteil von La Spezia nicht, Deutschland liefert seine Staatsbürger nicht aus. Deshalb hat Enrico Pieri, der das Massaker als 10-Jähriger überlebt hat, in Stuttgart Antrag auf Akteneinsicht gestellt. Lange Zeit vergeblich. Pieris Anwältin Gabriele Heinecke wurde wiederholt vertröstet und gelangte zu der Einschätzung, „dass es eine Umkehrung der Rollenverhältnisse gibt, nämlich dass die Nebenklage, also die Opfer, ein bisschen als die Schuldigen, als die, die stören gesehen werden, während die Staatsanwaltschaft ein Schutzbedürfnis gegenüber den Beschuldigten an den Tag legt". Erst nach Mahnungen und einem Antrag auf Erzwingung der Akteneinsicht erhielt Heinecke Anfang Juni die ersten Aktenordner zum Ermittlungsverfahren. Heike Demmel In Sant’Anna di Stazzema existiert ein Museum und eine Gedenkstätte, die Dienstags bis Sonntags besucht werden können. Sant’Anna liegt ca. 10 km von der Stadt Pietrasanta an der toskanischen Küste entfernt. Tel: 0039 0584 772286 [Quelle sowie weiter Artikel und Berichte: www.resistenza.de]
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