Kriegsverbrecherprozess in der BRD - Das Massaker von Falzano di Cortona vor Gericht

Am 15. September findet in München der erste Prozess gegen einen ehemaligen Wehrmachtsoldaten wegen Kriegsverbrechen des 2. Weltkrieges in Norditalien statt. Angeklagt ist Josef Scheungraber, aktives Mitglied des Traditionsverbandes der Gebirgsjäger. Er ist, wie über zwanzig weitere ehemalige deutsche Soldaten, bereits in Italien verurteilt worden. Im Folgenden sind einige Hintergrund-Infos zum Prozess und zum Massaker in Falzano di Cortona zusammengestellt.

Dieses und weitere Bilder von der Gedenkstätte in Falzano finden sich hier:
http://www.resistenzatoscana.it/monumenti/cortona/monumento_di_falzano/

Hintergrundinfos zum Traditionsverband der Gebrirgsjäger und zum Protest gegen die jährlichen Soldatentreffen in Mittenwald liegen auf:
http://mittenwald.blogsport.de/


Das Militärgericht in La Spezia verurteilte den ehemaligen Major Herbert Stommel (88) und den Unteroffizier Josef Scheungraber am 27. September 2006 wegen eines Massakers in Falzano di Cortona (bei Arezzo) in Abwesenheit zu lebenslanger Haft und Schadensersatz in Höhe von 80000 Euro.

Die Männer gehörten dem Gebirgs-Pionier-Bataillon 818 an. Am 26. Juni 1944 beschlagnahmten zwei Soldaten der Einheit bei der Fattoria Crocioni, einem Bauernhof im Ort, Lebensmittel, ein Pferd und ein Fuhrwerk, wobei sie aus einem Hinterhalt von Partisanen erschossen wurden. Aus Rache trieben die Deutschen am 27. Juni 1944 Männer aus der Gegend zusammen. Einige fliehen in die umliegenden Wälder. Im Nachbardorf San Pietro a Dame versucht die 74-jährige Francesca Bistarelli zu entkommen. Auf der Flucht wird sie erschossen. Am Vormittag erschießen die Pioniere noch drei weitere Menschen.

„Schließlich treiben die Soldaten zwölf Männer zusammen, unter ihnen ist der 15-jährige Gino Massetti. Vor der Casa Cannicci, dem Schulhaus, werden die Festgenommenen verhört. Keiner von ihnen gibt zu, Angehöriger der Partisanen zu sein. Der Stuhlflechter Daipra, der Deutsch spricht, wird als einziger freigelassen. Im ganzen Ort wimmelt es inzwischen von deutschen Soldaten. Es ist etwa 15 Uhr.

Gino Massetti sieht noch, wie Kisten mit Dynamit in die erste Etage des Schulhauses geschafft werden. Dann hört er, wie die Deutschen ein Nachbargebäude nach dem anderen in die Luft jagen. Erst das Pfarrhaus, dann die Kirche, die Schmiede, ein Bauernhaus, ein Holzturm und die Brücke in der Ortsmitte.

Schließlich drängen die Pioniere die Gruppe in das Erdgeschoss des Schulhauses und verriegeln die Tür mit Stacheldraht. Die gefangenen Zivilisten können sich ausrechnen, was gleich passieren wird. Einige von ihnen weinen.

Weil er in einer Ecke des Raumes steht, überlebt Gino Massetti die Explosion als einziger. Ein schwerer Balken und die bei der Explosion auf ihn geschleuderte Leiche eines der Opfer bewahren ihn vor den herabstürzenden Trümmern und dem Tod. „Ich habe so viel Glück gehabt“, sagt der 77-jährige Massetti heute. „Gott sei Dank habe ich überlebt.“

Auch die Maschinengewehrsalven, die die Gebirgspioniere noch in die Trümmer abgeben, treffen ihn nicht. Die meisten der Gefangenen waren schon von den herabstürzenden Gebäudeteilen erdrückt worden. „Für zwei meiner Kameraden wäre es besser gewesen, wenn die Schüsse getroffen hätten. Sie mussten sehr leiden und stöhnten und jammerten noch eine ganze Weile, bevor sie starben“, berichtet Massetti. Gegen Abend - die Soldaten waren längst verschwunden - hört eine Passantin die Schreie des 15-Jährigen und befreit ihn aus den Trümmern. Massetti trägt Verbrennungen im Gesicht und am rechten Bein davon, von denen heute noch Spuren zu sehen sind. Ein Jahr lang muss er ärztlich und psychologisch betreut werden. Er habe versucht, so viel wie möglich von damals zu vergessen. Dann bittet er um Nachsicht, dass er der Zeitung nicht mehr als das schon Gesagte berichten will. Eigentlich spreche er mit niemanden mehr über den 27. Juni 1944. Er habe einfach zu viel gelitten.“ (SZ 18.11.2006)

Stommel war der Kommandant des Bataillons, Scheungraber Chef der 222 Mann starken 1. Kompanie. Die italienische Staatsanwaltschaft geht aus Erfahrung davon aus, dass die beiden niemals hinter Gitter kommen. Die Dortmunder Zentralstelle führte das Ermittlungsverfahren, weil Stommel in NRW wohnt, Scheungraber lebt bekanntlich in Ottobrunn. Einer sein Verteidiger ist Gerhart Klamert.1 Klamert und Scheungraber kennen sich aus dem Kameradenkreis der Gebirgstruppe,2 in dem die Veteranen der Einheit organisiert sind.

„Als sich Gerhart Klamert (...) in der Redaktion meldet, ist auch seine Aufregung kaum zu überhören. Nie sei eine Anklageschrift vorgelegt worden. Dann ruft er in den Hörer: „Das ist keine ordentliche Gerichtsbarkeit in Italien, sondern ein Sondergericht á  la Freisler.“ Roland Freisler, Präsident des Volksgerichtshofes, war der berüchtigste Scharfrichter im Dritten Reich.“ (SZ 18.11.2006)

Das Urteil wurde Mitte November 2007 vom Appellationsgerichtshof bestätigt und ist somit rechtskräftig. Die Staatsanwaltschaft München erhob im März Anklage gegen Scheungraber. Die Gebirgstruppe 2/2008 kündigt Konsequenzen an und hetzt gegen die Süddeutsche, weil sie den Kameradenkreis als Selbsthilfegruppe für Kriegsverbrecher bezeichnete.

Das Gebirgs-Pionier-Bataillon 818 wurde am 20. Dezember 1943  aus den Gebirgs-Pionier-Kompanien 818 (1. Kp.) und 819 (2. Kp.) sowie aus Abgaben des Ersatzheeres in Mittenwald aufgestellt. Der Stab und die dritte Kompanie wurden durch den Stab des Pionier-Bataillons 138 gestellt. Es wurde auch als „Hochgebirgs-Pionier-Bataillon“ bezeichnet. Am 25. September 1944 wurde als 3. Kompanie die 4. Kompanie vom Gebirgs-Pionier-Bataillon 54 eingegliedert, das an dem Kephallonia-Massaker beteiligt war, von der 1. Gebirgs-Division zu dieser Einheit.

Das Bataillon war Heerestruppe und gehörte 1944/45 zur 10. Armee in Italien, wo es dem 76. Panzerkorps unterstellt war. Es nahm an der Schlacht um das Kloster am Monte Cassino teil und zog sich dann über Rom, Assisi, Perugia kämpfend auf Arezzo zurück. Es bereitete danach den Rückzug der Wehrmacht aus Italien vor, und sperrte deswegen den Calla-Pass, wodurch es ein Nachrücken der folgenden alliierten Truppen erheblich verzögerte. Im November 1944 wurde das Bataillon dann am Po eingesetzt, wo es einen Fährbetrieb einrichtete. Später errichtete es eine Kriegsbrücke über den Po. Anschließend zog sich das Bataillon über Padua über Bassano an den Etsch zurück. Das Bataillon geriet in dieser Gegend in amerikanische Gefangenschaft.

Ersatztruppenteil war das Gebirgs-Pionier-Ersatz- und Ausbildungs-Bataillon 82 in Salzburg.

Scheungraber ist seit 2005 Träger der Ottobrunner Bürgermedaille, ist Ehren-Kommandant der Feuerwehr, gehörte für die Freien Wähler 20 Jahre dem Gemeinderat an.