Kundgebung zum Prozess gegen Josef Scheungraber in München am 15.9.08

Dortmund, Wuppertal, Hamburg, Bremen, Göttingen, Berlin, München, den 8. September 2008

Pressemitteilung des Arbeitskreises Angreifbare Traditionspflege

Zum Beginn der Hauptverhandlung gegen Josef Scheungraber, ehemaliger Wehrmachtsleutnant, Mitglied des Kameradenkreises der Gebirgstruppe e.V. und Träger von dessen "Goldener Ehrennadel", veranstaltet der AK Angreifbare Traditionspflege am 15. September 2008 um 8 Uhr eine Kundgebung vor dem Landgericht München.

Der AK Angreifbare Traditionspflege nimmt die Eröffnung des Hauptverfahrens wegen 14-fachen Mordes gegen den Gebirgsjäger Scheungraber durch die 1. Strafkammer des Landgerichts München mit skeptischer Genugtuung zur Kenntnis.

Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik wird ein Mitglied des "Kameradenkreises der Gebirgstruppe e.V." wegen eines Kriegsverbrechens vor Gericht gestellt. Der heute 89-Jährige soll 1944 als Kompanieführer eines Gebirgs-Pionier-Bataillons die Ermordung von 14 Zivilpersonen in dem italienischen Dorf Falzano di Cortona (bei Arezzo) angeordnet haben.

Der in Ottobrunn bei München lebende Rentner wurde deswegen bereits am 28. September 2006 in Italien durch das Militärgericht in La Spezia in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt, wird aber nicht nach Italien ausgeliefert. Nach den Feststellungen des italienischen Gerichts kommandierte Scheungraber im Sommer 1944 die 1. Kompanie des Gebirgs-Pionier-Bataillons 818, welches in Mittelitalien den deutschen Rückzug sichern sollte. Die Truppe war nicht an der Front eingesetzt und hatte nur wenige Verluste. Am 26. Juni 1944 erschossen Partisanen einen Unteroffizier und einen Gefreiten des Bataillons, die gerade Lebensmittel, ein Pferd und ein Fuhrwerk auf einem Bauernhof beschlagnahmten. Der Kommandeur des Bataillons befahl gemeinsam mit dem Angeklagten einen Vergeltungsschlag, der am folgenden Tag ausgeführt wurde. Zunächst wurden eine 74-jährige Frau und drei Männer erschossen, die den Soldaten zufällig begegneten. Anschließend wurden elf Männer festgenommen, die man in Falzano in einem Bauernhaus zusammenpferchte. Dem Urteil zufolge wurde das Haus mit Dynamit in die Luft gesprengt. Zehn Männer im Alter zwischen 16 und 66 Jahren starben in den Trümmern. Ein damals 15-jähriger Junge überlebte das Blutbad.

Gebirgsjägerkamerad Scheungraber kann sich für den Strafprozess in München auf die vorbehaltlose Unterstützung des Kameradenkreises der Gebirgstruppe e.V. verlassen. Dieser zählt etwa 6.000 Mitglieder, darunter ca. 2.000 ehemalige Wehrmachtsoldaten. Er darf auch den bayerischen Ministerpräsidenten a. D. Stoiber, den derzeitigen Chef der Führungsakademie der Bundeswehr, Löser, sowie den amtierenden Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium Schmidt (CSU)
zu seinen beitragszahlenden Mitgliedern zählen.

Während des Gerichtsverfahrens in Italien wurde Scheungraber von Rechtsanwalt Gerhart Klamert verteidigt, seines Zeichens ebenfalls ehemaliger Wehrmachtssoldat, seit 1953 Mitglied im Kameradenkreis und dessen 2. Vorsitzender von 1994 bis 2002, zuletzt Vorsitzender des Ältestenrates. Nach dem Urteil des Gerichtes in La Spezia bezeichnete er dieses als ein "Sondergericht á la Freisler" - eine Gleichsetzung mit dem
nationalsozialistischen deutschen Volksgerichtshof und dessen berüchtigstem Blutrichter. In einer Vielzahl von Beiträgen in der Vereinszeitschrift "Die Gebirgstruppe" verharmloste Klamert die Verbrechen der Gebirgsjäger als "Unseligkeiten" oder nannte sie "Hirngespinste", die immer wieder von "abgrundtief hassenden Journailletypen in Szene gesetzt" würden.

Die vom Kameradenkreises der Gebirgsjäger bis auf den heutigen Tag verfolgten Ziele wurden bereits Weihnachten 1952 von Generalleutnant Wittmann in unmissverständliche Worte gefasst: Die "Pflege der Kameradschaft im Geiste des ehrenvollen deutschen Soldatentums" diene "ausschließlich (...) den Einsatz und der Hilfe für unsere Kriegsverurteilten, für unsere in Haft zurückgehaltenen Kameraden", denen man "tätige Kameradenhilfe zu beweisen" habe. Diese niemals revidierten programmatischen Worte des langjährigen Präsidenten des Kameradenkreises rechtfertigen es allemal diesen Verein öffentlich als eine
Selbsthilfegruppe von Kriegsverbrechern zu bezeichnen.

Die Werte dieser als gemeinnützig anerkannten elbsthilfegruppe, in der sich patriarchalische Männerbündelei, Vaterland, Nation und Kameradschaft eng mit dem Alpinismus zu einer politisch rechtsextremen Melange verbinden, werden seit mehr als 50 Jahren an die Bundeswehr weiter gegeben. Als Dank dafür wird der Kameradenkreis vom Verteidigungsministerium ständig hofiert, für das Archiv des Kameradenkreises werden ihm umfangreiche Räumlichkeiten in der Münchener Bayernkaserne genauso kostenlos zur Verfügung gestellt wie für Saufabende und andere Versammlungen, und Bundeswehr-Musiker werden zu den jährlichen Heldengedenkfeiern auf dem Hohen Brendten bei Mittenwald entsandt.

Der Arbeitskreis Angreifbare Traditionspflege wird den Strafprozess gegen Josef Scheungraber durch Prozessbeobachter aufmerksam verfolgen und seinen Verlauf der Öffentlichkeit bekannt machen.

Auf der unmittelbar vor Prozesseröffnung vor dem Landgericht München durchgeführten Kundgebung werden wir unter anderem die Namen der vierzehn in Falzano di Cortona von den Gebirgsjägern ermordeten Einwohner laut ausrufen:

Antonio Grezzi
Angiolo Lescai
Luca Cascini
Lorenzo Donati
Agostino Paludini
Agostino Petrini
Domenico Trasenni       
Guido Trasenni          
Domenico Sassini
Edoardo Zampagni        
Ferdinando Cannicci     
Santi Lescai
Francesca Bistarelli    
Angiolo Donati

Während der Brendten-Feierlichkeiten 2005 wurde von dem amtierenden Kameradenkreispräsidenten Ex-Bundeswehroberst Benkel in öffentlicher Ansprache die Aussage, "dass kein Mitglied unseres Kameradenkreises" jemals "wegen
Kriegsverbrechen (...) verurteilt" worden sei, frech neben der Wahrheit entlang gelogen. Der Ausgang des Scheungraber-Strafprozesses wird erweisen, ob sie für die Geschichte der Bundesrepublik einen beunruhigenden Bestand haben wird.

Der Arbeitskreis Angreifbare Traditionspflege fordert:

  • Anklageerhebung gegen alle in Italien wegen Kriegsverbrechen zu lebenslanger Haft verurteilten deutschen ex-Soldaten!
  • Einstellung jeder finanziellen oder sonstigen Unterstützung des Kameradenkreises der Gebirgstruppe e.V. durch Bundeswehr und Verteidigungsministerium!
  • Entzug der Gemeinnützigkeit des Kameradenkreises der Gebirgstruppe e.V.!

Kontakt und Informationen: http://www.keine-ruhe.org