Published on Keine Ruhe den NS-Kriegsverbrechern (http://www.keine-ruhe.org)
Urteil im Marzabotto-Prozess: "Nicht nur symbolisch" - Prozessbeobachtung in La Spezia

Am 13. Januar 2007 endete der Marzabotto-Prozess vor dem Militärtribunal in La Spezia mit der Verurteilung von neun deutschen und einem österreichischen ehemaligen Soldaten der 16. SS-Panzergrenadier-Division Reichsführer SS zu lebenslänglicher Haft wegen mehrfachen Mordes an ZivilistInnen. Paul Albers (87) wird zudem verurteilt, 3 Jahre davon tagsüber in Isolationshaft zu verbringen, Helmut Wulf (83) und Kurt Spieler (80) desgleichen für 2 Jahre, Josef Baumann (81), Hubert Bichler (86), Max Roithmeier (85), Adolf Schneider (86), Max Schneider (81), Heinz-Fritz Träger (83) und Georg Wache (85) desgleichen für 1 Jahr.

Alle gemeinsam müssen sie laut Urteil die Prozesskosten zahlen und Entschädigungen von mehr als 10 Mio. € an die Überlebenden und Familienangehörigen der Opfer sowie an die Region Emilia-Romagna, die Provinz Bologna, die Gemeinden Marzabotto, Grizzana und Monzuno. 7 Angeklagte, die der gleichen Verbrechen beschuldigt worden waren, wurden freigesprochen.

Der Name Marzabotto stand in Italien jahrzehntelang stellvertretend für die Morde und Gräueltaten, die während der deutschen Besatzung von 1943 – 1945 von Soldaten der Wehrmacht, der Waffen-SS, den Polizeieinheiten und ihren faschistischen italienischen Helfershelfern an italienischen ZivilistInnen verübt worden waren. Seit einigen Jahren allerdings werden immer mehr Ortsnamen bekannt, in denen deutsche Einheiten Kriegsverbrechen begangen haben. Wie bei einem Puzzle entsteht so peu à peu ein Bild des Grauens, das sich über die italienischen Landkarte legt. Die Namen der Orte stehen für mehr als 10.000 ermordeter Zivilisten, die oft auf grauenhafte Weise sterben mussten.

Eine gezielte Aktion gegen die Zivilbevölkerung

Ende September 1944 umstellten Wehrmachts- und Einheiten der 16.SS-Panzergrenadier-Division Reichsführer SS das Gebiet des Monte Sole im Apennin südlich von Bologna. Ein Gebiet, das zu den Gemeinden Marzabotto, Grizzana und Monzuno gehört. Von der Hochebene des Monte Sole operierte seit Monaten eine immer größer werdende Partisaneneinheit, die Stella Rossa (Roter Stern), die den deutschen Truppen mit Überfällen auf die Nachschub- und Rückzugswege in Nord-Süd-Richtung zwischen der Toskana und der Poebene erheblich zu schaffen machte. Als die Einheiten der Waffen-SS sich am 29. September von verschiedenen Seiten her aus den Tälern in Richtung Hochebene bewegen, denken die Bewohner zunächst an eine Aktion gegen die Partisanen oder/und an eine der üblichen Durchkämmungsaktionen zur gewaltsamen Verschleppung von Männern zur Zwangsarbeit.

Die Männer im arbeitsfähigen Alter verstecken sich deshalb in den Wäldern und auf den Bergen. Dahin ziehen sich auch die Partisanen zurück als sie sehen, dass sie gegen die militärische Übermacht der Deutschen keine Chance haben. Die Frauen und greisen Männer bleiben mit den Kindern in den Weilern und Gehöften, weil sie denken, dass sich die deutschen Soldaten für sie nicht interessieren werden. Ein tödlicher Irrtum: Zwar kommt es zu Beginn der Durchkämmungsaktion zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit Partisanen, bei denen auch deren Kommandant getötet wird, und die Partisanen sich zurückziehen müssen, aber damit geben sich die deutschen Soldaten nicht zufrieden. Sie töten von Anfang an unterschiedslos Kinder, Frauen, Männer: massakrieren sie mit Schusswaffen und Handgranaten in den Häusern, die sie anschließend anzünden, wobei viele bei lebendigem Leib verbrennen, oder sie treiben sie ins Freie, um sie dann mit Maschinengewehren und –pistolen nieder zu mähen. Heute weiß man, dass es bei dieser Aktion von Anfang an nicht um einen Kampf gegen Partisanen ging, sondern dass diese gezielt geplant und durchgeführt wurde als Aktion der Ausrottung der Zivilbevölkerung im Gebiet des Monte Sole. San Martino, Caprara, Casaglia, Cerpiano, La Creda, La Steccola, Cadotto, Colulla, San Giovanni und viele andere mehr: Weiler für Weiler werden überfallen, keiner der verstreut liegenden Bergbauernhöfe, bleibt verschont. Die Menschen fliehen in Kirchen und Kapellen, in der Hoffnung, dass die Gotteshäuser für die deutsche Soldateska tabu sind. Sie täuschen sich, sie werden wie im Oratorio von Cerpiano entweder in der Kapelle ermordet oder wie in San Martino und Casaglia aus den Kirchen getrieben und dann umgebracht. Es ist eine gnadenlose Jagd, eine von unglaublichen Brutalitäten begleitete Metzelei, die sich über mehrere Tage hinzieht.

Mehr als 800 Menschen fielen diesem Massakern zum Opfer, darunter 216 Kinder. Ein großer Teil der Toten konnte erst im Frühjahr 1945 geborgen werden, nachdem sich die deutschen Besatzer vor den Alliierten Truppen zurückgezogen hatten und das Gebiet des Monte Sole räumen mussten. Wie viele Leichen da schon nicht mehr auffindbar waren, weiß man nicht, da es zahlreiche Flüchtlinge und Ausgebombte aus den Städten in den Orten lebten, die nirgendwo registriert waren. Die Gesamtzahl der Toten ist deshalb möglicherweise höher als die offiziell benannte.

Nur wenige haben überlebt

Während des Prozesses bricht Gianfranco Lorenzini bei seiner Zeugenaussage mehrmals zusammen, überwältigt von den schrecklichen Bildern, die in seiner Erinnerung wieder Gestalt gewinnen:
Als 13-Jähriger, der sich versteckt hatte, musste er mit ansehen, wie die BewohnerInnen seines Weilers San Martino aus den Häusern getrieben und dann erschossen wurden, zunächst die alten Männer, dann die Kinder, wobei der Körper seiner 3-jährigen Schwester wie beim Tontaubenschießen in die Luft geworfen und von einer Maschinengewehrgarbe zerfetzt wurde. Danach waren die Frauen an der Reihe, darunter auch seine Mutter, sie wurden erst vergewaltigt und dann erschossen.

Francesco Pirini musste als 17-jähriger miterleben, wie eine Gruppe Soldaten 47 Kinder und Frauen, darunter seine Mutter, seine Schwester, Tanten und Cousinen und 2 greise Männer in einer Kapelle eingesperrten. Dann warfen sie Handgranaten durch Fenster und Türen, "damit sie langsam und qualvoll sterben". So hatte es der Kommandant nach Aussage eines seiner Soldaten bei Vernehmungen durch die Alliierten angeordnet. 36 Stunden dauerte das Sterben in der Kapelle, während die Soldaten draußen aßen, tranken und beim Spiel einer Harmonika, die sie im Kindergarten gefunden hatten, grölten. Nur die Kindergärtnerin Antonietta Benni, der 8-jährige Fernando Piretti und die 6-jährige Paola Rossi überlebten, und das auch nur, weil sie für tot gehalten wurden bzw. unter den Leichen versteckt lagen.

Der Zeuge Pietro Zebri erzählt, wie er seine hochschwangere Schwester tot fand, mit aufgeschlitztem Bauch, den erschossenen Fötus neben ihr liegend. Geschichten wie diese wiederholten sich in den Tälern und auf der Hochebene des Monte Sole vom 29. September bis zum 5.Oktober 1944 immer wieder. Die erschlagenen, erschossenen, verbrannten Kinder, Frauen, greise Männer – in den Wehrmachtsberichten werden sie zu "Bandenmitgliedern" und "Bandenhelfern", für deren Vernichtung Generalfeldmarschall Kesselring seinen Soldaten ein besonderes Lob ausspricht.

Keine Worte des Bedauerns

Nur wenige Menschen haben das Massaker auf dem Monte Sole überlebt. Sie waren jetzt wichtige ZeugInnen in diesem Prozess. Nur einige von ihnen erzählen ihre Geschichte bereitwillig, weil sie Zeugnis ablegen wollen von der Barbarei des Krieges in der Hoffnung, dass die Menschen daraus lernen. Viele reden nur ungern über die schrecklichen Erlebnisse, einige gar nicht – selbst vor Gericht brachten sie es kaum über sich, ihr Schweigen zu brechen. Den Opfern ein Gesicht und ihre persönliche Geschichte wieder geben, will der Rechtsanwalt der zivilen Nebenkläger, Andrea Speranzoni, als er in seinem Plädoyer zahlreiche Fotos und Lebensgeschichten mit einbezieht. Während er redet, sitzen hinter ihm zahlreich aber schweigend die Überlebenden und Familienangehörigen der Opfer, es ist ihre Anklage, die hier vorgetragen wird. Noch einmal wird auf ergreifende Weise die Geschichte des Massakers im Gerichtssaal lebendig.

Am 13.1.2007 verkündete der Vorsitzende Richter die Urteile. Die Reaktion im Gerichtssaal fällt unterschiedlich aus: Zufriedenheit über die Verurteilungen, aber auch Unzufriedenheit über die Freisprüche. Der Staatsanwalt Marco De Paolis steht zumindest einigen Freisprüchen kritisch gegenüber. Die Vertreter der politischen Institutionen sind überwiegend zufrieden mit dem Ergebnis des Prozesses. Ferruccio Laffi, der 14 Familienangehörige bei dem Massaker verlor, hätte lieber alle Angeklagten verurteilt gesehen.

Er und andere Betroffene sind empört darüber, dass keiner der Angeklagten auch nur ein Wort des Bedauerns geäußert hat, dass keiner bereit war, zur Aufklärung der Geschehnisse in jenen Tagen beizutragen. Statt dessen tischten sie in ihren Vernehmungen Lügen, Verharmlosungen und die üblichen Entschuldigungen auf, wie der Verurteilte Hubert Bichler in einem Interview, das die Zeitung "La Repubblica" am 17.01.07 veröffentlichte: "Im Gebiet des Monte Sole ging es am 29.09.1944 nur um einen Kampf gegen Partisanen, wir haben nicht auf Zivilisten geschossen und wir haben auch keine toten Zivilisten gesehen, ich habe nur den Befehlen gehorcht, hätte ich dies nicht getan, wäre ich erschossen worden." Das ist ein immer wieder kehrendes Aussagemuster in diesem Prozess, das von den Verteidigern der Angeklagten vorgetragen wird. Einige Angeklagte leugneten erst einmal, zur Zeit der Massaker überhaupt bei einer der beteiligten Militäreinheiten anwesend gewesen zu sein, bis der Staatsanwalt das Gegenteil beweisen konnte. Eine Strategie, der auch die als Zeugen angehörten ehemaligen deutschen Soldaten bevorzugt folgen. Beide Gruppen, die Angeklagten und die Zeugen, erinnerten sich auch nicht an Namen von noch lebenden Kameraden und Kommandeuren ihrer Einheiten, bestenfalls an die Namen der bereits gestorbenen und allseits bekannten Männer (gemäß dem Schwur "Treu dem Führer und der Waffen-SS"). Von den Angeklagten ist keiner zum Prozess nach La Spezia gekommen, das deutsche Recht zwingt sie auch nicht dazu. Von den geladenen Zeugen haben nur einige wenige vor dem Militärtribunal ausgesagt, dem Prozess blieben auch sie fern. Das italienische Gericht musste deshalb bezüglich der Angeklagten und Zeugen auf die Vernehmungsprotokolle und Akten der deutschen Ermittlungsbehörden zurückgreifen. Darüber hinaus haben deutschsprachige italienische Ermittlungsbeamte in der BRD Beweise gesammelt und analysiert. Außerdem wurden vom Gericht Expertengutachten eingeholt.

Kriegsverbrecher werden nicht ausgeliefert

In der Presse und in anderen Medien wurden die Urteile von Journalisten, Historikern und Politikern als symbolisch bezeichnet, als öffentliche Ächtung der Taten durch die Verurteilung der Täter. Symbolisch, weil dem Akt der Rechtssprechung keine reale Umsetzung folgen wird, da die Täter, dank der bundesrepublikanischen Verfassung, weiter unbehelligt in Deutschland leben können.

Dieser Argumentation und Sichtweise widersprechen Walter Cardi, einVertreter der Überlebenden und Angehörigen der Opfer, sowie deren Anwalt Andrea Speranzoni: "Das Urteil zum Massaker auf dem Monte Sole ist konkret und real. Nicht nur symbolisch. Es wird durchgesetzt werden mit allen zur Verfügung stehenden Rechtsmitteln" (l’Unitá 16.01.07). Nach ihren Vorstellungen hat die Umsetzung des Urteils sowohl im Hinblick auf die Inhaftierung der Verurteilten als auch auf die Zahlung der Entschädigungen zu erfolgen.

Das durchzusetzen wird nicht einfach sein, denn die BRD weigert sich bisher beharrlich, die in bisherigen Prozessen verurteilten Kriegsverbrecher an Italien auszuliefern oder diese hier in Deutschland zu inhaftieren. Sie weigert sich auch, Entschädigungen zu zahlen. Und nur in seltenen Fällen mussten sich bisher in Italien Verurteilte vor einem deutschen Gericht verantworten, wo sie auf milde Richter trafen. In der weit überwiegenden Zahl der Fälle wird ein Prozess erst gar nicht eröffnet.

Ich war an einigen Verhandlungstagen und bei der Urteilsverkündung im Gerichtssaal: Besonders bewegt haben mich die Berichte der Überlebenden: Sie sind erschütternd, mehr noch, sie sind kaum auszuhalten in ihrer Schilderung der Grausamkeiten und Menschenverachtung. Für die Überlebenden sind die Geschehnisse des Massakers so lebendig, als wären sie gerade erst geschehen. Sie haben sie ihr Leben lang begleitet, haben sich nachts in ihren Alpträumen wiederholt. Ich bin als Zuhörerin innerlich aufgewühlt und schäme mich zutiefst, einen deutschen Ausweis in der Tasche zu haben. Aber es steigt auch Zorn in mir auf: Zorn darüber, dass die deutsche Gesellschaft bis heute nicht bereit ist, für diese Kriegsverbrechen und ihre Folgen die Verantwortung zu übernehmen darüber, dass die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen und die Opfer nicht entschädigt werden.

Marianne Wienemann

Von: http://www.resistenza.de/content/view/102/82/


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